Andacht zu Gründonnerstag

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Hier der Text noch einmal zum Nachlesen:

Auch der Verräter sitzt mit am Tisch.

Da sitzen sie nun: Jesus in der Mitte und um ihn herum seine 12 Jünger.

Ein besonderes Mahl ist das heute. Die Jünger spüren, dass etwas anders ist. Nun ja, schon oft haben sie beieinandergesessen, auch in größeren Tischgemeinschaften; in fröhlicher Runde wurde gegessen, getrunken, gefeiert … und andererseits – manchmal war es eher ein vertraulicher Kreis im aufmerksamen Lauschen auf die Worte Jesu, ihres Herrn.

Heute jedoch ist die Stimmung anders – etwas Abschiedliches liegt in der Luft. Sie ahnen es und können es doch gleichzeitig noch nicht fassen, es nicht begreifen, was da gerade geschieht…

Gut zwei Jahre waren sie nun mit Jesus unterwegs, hatten vieles gehört, manch neue Erfahrung gemacht und große wunderbare Dinge erlebt. Das war eine prägende Zeit – ohne Frage. Für jeden von ihnen auf seine ganz persönliche Art und Weise:

Da ist Petrus, ein Fischer vom See Genezareth. Einen wunderbaren Fischzug hatte er erlebt, bevor er seine Netze zurückließ, um Jesus zu folgen, der ihn zu einem Menschenfischer machen wollte. Schnell mit der Zunge, brennend für seinen Herrn, bereit für ihn in den Tot zu gehen – so sein unbedingtes Bekenntnis – muss er sich von Jesus an diesem Abend sagen lassen: „In dieser Nacht, ehe der Hahn dreimal kräht, wirst du mich drei Mal verleugnen.“ Für Petrus – jetzt noch unvorstellbar – trifft diese Prophezeiung wenige Stunden später dennoch ein und wird ihn in Tränen aufgelöst, in bitterer Verzweiflung zurücklassen.

Dann sind da Jakobus und Johannes, die sich schon zu irdischen Lebzeit den Platz zur Rechten und Linken ihres Herrn im himmlischen Reich sichern wollten. Damit haben sie sich bei den anderen Jüngern verständlicher Weise keine Freunde gemacht. Und auch Jesus weist sie in ihre Schranken: „Wer von euch der Größte sein will, der soll euer aller Diener sein…“ so müssen sie es sich von ihm sagen lassen.

Da ist Judas Iskariot, der Verräter. Auch er sitzt noch mit am Tisch beim letzten Abendmahl. Wahrscheinlich sympathisierte er mit den Wider- standskämpfern gegen die römische Besatzungsmacht. Bis heute ist unklar, was ihn bewogen haben mag, Jesus zu verraten.

War es wirklich Geldgier? Oder wollte er Jesus durch seinen Verrat nur in Zugzwang bringen? Wenn sein Leben unausweichlich in Gefahr ist – würde Jesus dann nicht endlich seine ganze Macht und Herrlichkeit offenbaren müssen. Und wenn er dann sein Reich aufrichten würde, ging es der selbstgerechten Oberschicht aus Priestern und Schriftgelehrten endlich an den Kragen, und auch die verhassten römischen Besatzer würden mit Schimpf und Schande aus dem Land gejagt. Vielleicht steckte ja diese Hoffnung hinter seiner verräterischen Tat.

Wir wissen es nicht.

Und dann Thomas, der Skeptiker. Später wird er es sein, der den anderen Jüngern die gute Nachricht von Jesu Auferstehung nicht zu glauben vermag. Er will erst selbst sehen und die Wundmale Jesu berühren, bevor er zu glauben bereit ist, dass Jesus wirklich lebt und den Tod besiegt hat.

Eine bunt zusammengewürfelte Gruppe ganz unterschiedlicher Persönlichkeiten diese Jünger – und als Gastgeber in ihrer Mitte – Jesus.

Er weiß was auf ihn zukommen wird. Er redet offen von Verleugnung, Verrat, Erniedrigung, Folter und Tot. Aber das wollen, das könne die Jünger nicht hören, nicht verstehen und begreifen. Nur eine kleine Weile noch, und sie alle werden Jesus verlassen. In Angst und Panik um das eigene Leben werden sie fliehen und ihren Herrn im Stich lassen – alle. Und dennoch sie sind es, in all ihrer Unzulänglichkeit, die mit ihm an seinem Tisch sitzen dürfen, die er einlädt zu Brot und Wein als unverbrüchliche Zeichen seiner Liebe und der Gemeinschaft mit ihm und untereinander.

Das darf unsere Zuversicht stärken – denn auch wir gehören dazu.
Mit all unseren Möglichkeiten und Grenzen, unseren Ängsten und Hoffnungen, sind wir angenommen und geliebt. Auch wir sind eingeladen an den Tisch des Herrn. Immer wieder neu dürfen wir einen Anfang wagen mit dem Gott, den Jesus uns als seinen liebenden Vater bezeugt.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen gesegneten Übergang in die vor uns liegenden Ostertage

Ihr Pfarrer Hansgerd Mertzen

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